Person hält mit gestreckten Armen abwehrend ihre Hände vor die Kamera

Grenzen setzen und stärker werden

ZOYA und die Selbstbestimmung
by Anna
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Gemeinsam für mehr Frauenrechte – nicht nur am 08. März

Frauen* sind nicht gleichberechtigt. Auch in Deutschland nicht.

Und das, obwohl wir auf eine sehr kraftvolle Frauenbewegung zurückblicken dürfen. Sie hat für eine fairere Gesellschaft viele Hürden zu Fall gebracht. Danke!

Jetzt sind wir dran.

Und es geht nicht nur darum, dass unsere Töchter, Nichten, Enkelinnen es besser haben. Sondern genauso um uns selbst und darum, dass wir alle es hier und heute besser haben. Sicherer, entspannter, freier – lebendiger.

Wir können auf verschiedene Weise zu einer lebenswerten Gesellschaft beitragen. Jeder dieser Wege ist in sich wertvoll.

  • Du kannst dich um geflüchtete Frauen* kümmern.
  • Du kannst deiner Freundin* widersprechen, wenn sie sagt, es sei keine Vergewaltigung gewesen – schließlich habe sie ja nicht ganz so klar "Nein" gesagt.
  • Du kannst deinen Partner* umarmen, weil er erschöpft davon ist, nicht zu wissen, wie er sich verhalten soll.
  • Du kannst dich von deinen tiefen Ängsten lösen, um sie nicht an deine Kinder weiterzugeben.

Es ist deine Entscheidung, was du beiträgst.

Was ist deine Wahl?

Meine Wahl ist es in diesem Artikel mit dir zu teilen, was dich als Frau* stärken kann – egal, was du tust! Neugierig?

Person hält Demo-Transparent mit Aufschrift: Girls just wanna have fun-damental rights

Inneren Hürden überwinden

Frauen* dürfen in Deutschland mittlerweile wählen, sich scheiden lassen, studieren. Gender Pay Gap, Sexismus und Gewalt bleiben trotzdem.

Und das beeinflusst selbstverständlich jeden Tag einer Frau*!

Trotzdem finden es viele ja „gar nicht so schlimm“. Wie kann das sein?

Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass Benachteiligung nicht gesehen wird, weil sie nicht bewusst ist. Klar, scheint es dann kein Problem zu sein.

Aber nur weil wir etwas nicht sehen, heißt es nicht, dass es nicht dennoch geschieht. Und dass Frauen* z. B. weniger Geld als andere Menschen für ihren Lebensunterhalt zur Verfügung haben, ist ein konkretes Problem!

Aufrüttelnde Aktionen, Videos und Texte können uns die Augen öffnen. Wie es im Alltag mit unseren Erkenntnissen weitergeht, entscheiden wir selbst.

Dann ist es an uns, uns bewusst zu machen, was wir nicht mehr sehen: unsere automatischen Gedanken, Empfindungen, Gefühle. Unser Verhalten.

In uns verborgen liegen Annahmen, darüber, wie wir sind oder sein müssen. Sie zu kennen und zu überprüfen, ist ein Schlüssel: zu unserer Kraft – die das Leben für uns und andere lebenswerter macht.

Portrait von Kind, dem erwachsene Person von hinten die Augen zuhält

Selbstbild erkennen

Konzepte über uns selbst sind die Spuren unserer Lebensgeschichte und der unserer Vorfahr*innen.

Für Frauen* gibt es dabei vor allem ein Motto: Halte dich zurück. Nur sehr wenige Frauen* können und konnten es sich erlauben, mit ihrer ganzen unbändigen, lebensfrohen Energie aufzuwachsen.

Stattdessen lernten und lernen sie sich selbst zu beschränken. Z. B. indem sie:

  • nicht so laut sind,
  • etwas über sich ergehen lassen und nicht dagegen kämpfen,
  • sich mehr um andere als um sich selbst kümmern,
  • sich von jemandem umarmen lassen, obwohl sie es unangenehm finden,
  • darauf achten nichts zu tun, was jemand anderem nicht gefallen könnte,
  • nicken, obwohl sie „Nein“ schreien wollen,
  • lächeln, obwohl sie lieber widersprechen möchten,
  • alles versuchen, damit es möglichst ‚harmonisch‘ ist.

Später folgt daraus, beim Sex nicht zu sagen „das möchte ich nicht“, sondern einen Orgasmus vorzutäuschen. Im Meeting nichts zu sagen, weil andere sicher Besseres zu sagen haben. Sexistische Witze im Freundeskreis zu verteidigen – „das war ja nicht so gemeint“.

Welche Beispiele fallen dir ein?

Das machen wir nicht, weil wir von Natur aus so ‚selbstlose‘ Menschen sind. Sondern weil wir gelernt haben, dass wir das als Frau* so machen müssen.

Wir haben gelernt:

  1. Das, was ich gerne möchte, sollte ich nicht ausleben.
  2. Das, was ich nicht möchte, darf ich nicht zeigen.
  3. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung: ich habe kein Recht dazu, für mich einzustehen.

Für ein solches Selbstbild müssen viele, grobe Verletzungen unserer Grenzen stattgefunden haben. Und mit unseren Gesellschaftsstrukturen bekommen wir kaum Unterstützung, um sie zu reparieren.

Wie kommen wir aus diesem Schlamassel heraus?

Seitliches Portrait schwarzer Frau mit zusammengenommenen Haaren vor gelborangen Hintergrund

Selbstbild verändern

Indem wir alle uns dafür einsetzen, dass unsere Grenzen und Rechte gewahrt werden. Dafür brauchen wir alles, was uns einfällt. Vereine, Parteien, Unterstützer*innen, Aktionen. Solidarität und Gemeinschaft.

Und wir brauchen uns selbst. Wir müssen uns auf unsere Seite stellen. Sonst sabotieren wir uns weiterhin.

Dazu ist es notwendig, die Selbstverständlichkeit aufzugeben, mit der wir uns selbst beschränken. Und das ist gar nicht so einfach – es ist ja in unser Selbstbild übergegangen.

Ein Weg, den wir beschreiten können, ist es, unsere Grenzen wiederzufinden.

Wie geht das?

Indem wir sie wieder spüren, verteidigen und verhandeln lernen!

Frau mit langen Haaren und schwarzen Kapuzenpullover sitzt mit aufgestütztem Ellenbogen und verschränkten Händen an weißem Tisch

Grenzen setzen lernen

Unsere Grenzen als lebendige Wesen liegen optimal so, dass wir geschützt und gleichzeitig flexibel und lebensfähig sind.

Das bedeutet, dass wir enge, stabile Beziehungen zu vertrauenswürdigen Menschen haben können und uns gleichzeitig wehren, sobald wir bedroht sind.

Kurz: das wir Ja und Nein sagen können.

Auch wenn es unser Selbstbild nicht erlaubt, diese Grenzen wahrzunehmen: es gibt sie immer noch. Und unser Körper weiß, wo sie liegen.

Lassen wir uns von ihm leiten!

Eigene Grenzen spüren

Reaktionen unsers Körpers verstehen

Werden unsere Grenzen überschritten, haben wir den Eindruck, dass jemand in unseren persönlichen Raum eindringt. Dieser Raum ist nicht statisch. Er verschiebt sich immer wieder; wo er beginnt und endet ist ganz verschieden.

Grenzüberschreitungen können wir fühlen, wenn uns jemand körperlich zu nahe kommt. Aber auch, wenn jemand etwas von uns erwartet. Z. B. dass wir trotz vollgestopftem Tag auch die Kinder noch abholen.

Unser Körper reagiert in beiden Fällen darauf. Und zwar in dem er sich zum Kampf oder zur Flucht bereit macht. Oder erstarrt bzw. erschlafft, wenn uns diese Möglichkeiten aussichtslos erscheinen.

Für Kampf oder Flucht wird z. B.:

  • der Atem schneller,
  • die Spannung im Kiefer und Nacken, in den Schultern, in den Armen und Händen und
  • die Beine werden unruhig.

Außerdem neigen wir zu Ironie, Sarkasmus, Sticheln, Lästern und Anschuldigungen – wenn auch nur in Gedanken.

Erstarren oder Kollabieren erkennt man z. B. an:

  • einem nebligen Blick,
  • Schwindel und Orientierungslosigkeit,
  • (innerem) Frieren,
  • flachem Atem und an
  • einer starren oder schlaffen Muskulatur, die jede Bewegung anstrengend machen.

Unsere Stimme wird leise und unsere Gedanken zäh und düster.

Kennst du diese Reaktionen von dir?

Seitliche Silouhette einer Frau vor schwarzem Hintergrund mit Beschriftung zu körperlichen Symptomen bei Grenzüberschreitungen

Beobachten und Grenzen erkennen

Um deine Reaktionen zu beobachten und kennenzulernen, brauchst du etwas Zeit. Denn: reagierst du weiterhin automatisch, überdeckst du Zeichen deines Körpers und übersiehst sie.

Was dabei sehr helfen kann: vor einer Reaktion mindestens einen Atemzug lang innehalten. Dieses bisschen Zeit kannst du dir nehmen, auch wenn es manchmal ewig erscheint!

Zum Üben eignet sich jede Situation, z. B. wenn deine Kollegin dich bittet, ihre Aufgabe zu übernehmen. Oder wenn du zu einer Party eingeladen wirst. Oder wenn du deinen Urlaub planst.

Falls du die Möglichkeit hast, dann warte am besten mehrere Atemzüge oder vielleicht mehrere Tage auf die Antwort aus deinem Inneren.

Was passiert in dir? Beobachte deinen Körper, deine Gefühle, deine Gedanken!

Eigene Grenzen verteidigen – Nein-Sagen

Nimmst du deine Grenzen wahr, kannst du beginnen, sie zu verteidigen. Das läuft manchmal am Anfang nicht so rund – entweder wir stehen nur im Flüsterton für uns ein. Oder wir explodieren bei den kleinsten Kleinigkeiten und schießen dabei übers Ziel hinaus.

Lass dir Zeit, es wird einfacher, die angemessene Dosis zu finden!

Hier ein paar Hinweise:

Klar sein in deinen Aussagen

Verstecke deine Aussage nicht in vielen Worten:

  • Statt „Könntest du vielleicht einen Schritt zurücktreten, wenn es dir nichts ausmacht...?“: „Tritt bitte einen Schritt zurück!“.
  • Statt „Vielleicht würde ich heute lieber ein bisschen weniger trinken…?!“: „Ich möchte keinen Alkohol trinken!“.

Freundlich bis neutral sein in deinen Aussagen

Du musst andere Personen nicht angreifen, um zu sagen, worum es dir geht:

  • Statt „Du bist so ein Idiot, wieso kannst du nicht einmal Rücksicht auf meine Bedürfnisse nehmen?“: „Ich bin traurig und wütend. Wenn du mir nicht zuhörst, habe ich den Eindruck, dich interessiert nicht, was ich sage. Stimmt das?“.
  • Statt „Verpiss dich, du Wichser!“: „Geh weg!“.

Deine Aussage für sich selbst sprechen lassen

Du musst nicht begründen, warum du etwas möchtest oder nicht.

Innehalten

Falls möglich: eine Pause zwischen dem Ereignis und deiner Reaktion einlegen. Einatmen. Ausatmen. Wie möchtest du reagieren?

Kämpfen

Wenn es nötig ist, zu kämpfen, dann kämpfe. Mit allem, was du hast. Du hast das Recht dazu.

Frau schreit mit geschlossenen Augen während ihr Kopf mit Draht umwickelt ist

Mit Grenzverletzungen umgehen

Selbst wenn wir gelernt haben, unsere Grenzen zu spüren und sie zu verteidigen: unsere Grenzen können immer noch überschritten oder verletzt werden..

Zum einen haben verschiedene Menschen einfach verschiedene Bedürfnisse – Räume und Bedürfnisse werden sich darum immer wieder überschneiden.

Zum anderen stehen wir gerade als Frauen* oft vor einer strukturellen Ungerechtigkeit, gegen die wir auch mit der Verteidigung unserer Grenzen nicht direkt ankommen. Wir sind Grenzverletzungen besonders ausgesetzt.

Wie können wir damit umgehen?

Grenzen verhandeln

Viele Grenzen sind verhandelbar. Und das sollten sie auch bis zu einem gewissen Grad sein, sonst wären wir nie dazu in der Lage, z. B. einen Kompromiss einzugehen. Mit jemandem eine Wohnung zu teilen, wäre schon eine unüberwindbare Herausforderung.

Grenzen können wir sowohl mit uns selbst als auch mit anderen Personen verhandeln. Überlegungen dafür können z. B. sein:

  • Wie wichtig ist das für mich? Wer ist mein Gegenüber?
  • Traue ich meinem Gegenüber?
  • Welche Beziehung habe ich zu dieser Person?
  • Bedroht diese Grenzüberschreitung meine Gesundheit, mein Leben oder das anderer?

Oft werden wir feststellen, dass wir unsere Grenze ein wenig verschieben können. Vielleicht etwas umschichten und neu sortieren. Oder Missverständnisse klären und einen neuen Umgang miteinander finden.

Grenzen nicht verhandeln

Bestimmte Grenzen sind in den meisten Situationen nicht verhandelbar. Ihre Überschreitung ist und bleibt eine Verletzung.

Wie z. B. wenn

  • dein Chef dich immer ‚ganz zufällig‘ beim Vorbeigehen berührt,
  • du von deinem Partner misshandelt wirst,
  • du nicht ernst genommen wirst, wenn du dich wütend zeigst,
  • du an deinem Arbeitsplatz eine sexualisierte Uniform (z. B. sehr enge T-Shirts) tragen musst,
  • dein Partner dich vergewaltigt und es damit rechtfertigt, dass du seine Partnerin bist,
  • deine Freund*innen dir das alles nicht glauben.

Manchmal ist es nicht möglich, uns alleine zu verteidigen. Bei Organisationen wie TERRES DES FEMMES findest du Informationen und Adressen, an die du dich für Unterstützung wenden kannst.

 

Frauen* sind auch im Jahr 2020 nicht gleichberechtigt. Auch in Deutschland nicht.

Es ist an uns weiterzugehen.


Kennst du deine Grenzen? Wie gehst du mit ihnen um?


Was sind deine Gedanken und Erfahrungen? Schreibe gerne einen Kommentar – ich freue mich darauf, dir zu antworten!

Wenn du mit mir arbeiten magst, stöbere gerne in meinen Angeboten. Mit einer Nachricht erreichst du mich persönlich.

Lass uns leben,

Deine Anna