Embodiment – Tänzerin springt in die Luft

Was ist Embodiment?

ZOYA und der Körper • Teil 2 / 3
by Anna
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Inhaltsverzeichnis

Verbindung zwischen Körper und Psyche

Oh! In deinem Briefkasten liegt überraschend eine Postkarte aus Hawaii. Du liest lächelnd den kurzen Text – Urlaubsgrüße einer guten Freundin. Es freut dich sehr, dass sie an dich gedacht hat und du gehst beschwingt zu deiner Wohnung. Wie fröhlich du bist, bemerkt auch deine Nachbarin: „ach, Sie sind ja der Sonnenschein persönlich heute“.

Anders wäre das gelaufen, wenn dir stattdessen das Finanzamt unerwartet eine Zahlungsaufforderung geschickt hätte. Typischerweise hättest du nicht gelächelt, sondern vielleicht grimmig geguckt, deine Schultern hochgezogen und wärst schlecht gelaunt in deine Wohnung gerauscht.

Darum geht es gewöhnlich, wenn von Embodiment (deutsch etwa: Verkörperung, Körperlichkeit) die Rede ist: die Wirkung psychischer bzw. mentaler Prozesse auf deinen Körper. Und andersrum: fiese Bauchkrämpfe in der U-Bahn wirken anders auf deine Gedanken und Gefühle als tiefenentspannt im warmen Whirlpool zu liegen.

Also, eigentlich recht einfach und intuitiv zu verstehen – warum ist Embodiment überhaupt der Rede wert?

Embodiment – Frau liegt in Pool

Perspektivenwechsel: Körper!

Embodiment ändert den bisherigen Fokus. Entsprechende Methoden und Konzepte stellen den Körper in den Mittelpunkt. Z. B. wird körperbezogen geforscht und das wirkt sich praktisch aus, z. B. für Psychotherapien (s. Quelle 1.).

Das ist ein entscheidender Fortschritt, denn für viele Bereichen ist und war in unseren Kulturen „das Mentale“ (je nach Definition: Geist, Gedanken, mentale Prozesse, Kognition usw.) das Wichtigste. Oder besser gesagt: das einzig Wichtige.

Descartes berühmter Satz „cogito ergo sum“ (quasi: „ich denke, also bin ich“) steht repräsentativ für die Ausrichtung auf das, was wir mit unserem Denken erschaffen. Der Körper wird daneben zur Maschine. Und das ist er für viele immer noch: eine Art Fleischroboter, der brillante Gedanken spazieren trägt – natürlich ohne relevanten Einfluss…

Embodiment in der Psychologie

Maja Storch und Wolfgang Tschacher „wollen mit Embodiment ausdrücken, dass Psychologie im Bewusstsein betrieben werden sollte, dass die Psyche immer in ei­nen Körper eingebettet ist“. (s. Quelle 1., S. 163) Zwar trennen sie wie Descartes Körper und Psyche immer noch. Aber der Körper wird zur Voraussetzung für psychische Phänomene und steht mit ihnen in Wechselwirkung.

Hier drei Beispiele aus aktueller Forschung:

Körperhaltung beeinflusst Emotionen und Gedächtnis

Zuerst suchten Johannes Michalak et al. (s. Quelle 2.) nach Unterschieden in der Art zu gehen, je nach psychischer Befindlichkeit. Sie konnten im Vergleich zeigen, dass Menschen mit depressiven Symptomen:

  • in sich zusammengesunken und langsam gehen,
  • sich dabei wenig auf und ab bewegen,
  • und wenig mit den Armen schlenkern – dafür aber mit dem Körper nach rechts und links.

In einer weiteren Studie stellten Michalak et al. (s. Quelle 3.) fest, wie sich Körperbewegungen und -haltung auf das emotionale Gedächtnis auswirken:
In einem Gedächtnistest erinnerten sich Studienteilnehmer*innen aufrecht und beschwingt an mehr positive Adjektive – zusammengesunken an mehr negative!
 
Entsprechende Erkenntnisse wurden in einer aktuellen Metastudie untermauert (s. Quelle 4.). Demnach gibt es einen stabilen Zusammenhang zwischen motorischem System und z. B. Gefühlen, dem emotionalen Gedächtnis oder Risikobereitschaft. Besonders herausstechen ungünstige Effekte einer zusammengesunkenen Haltung. Nicht beobachtet wurden aber positive Effekte durch besondere Haltungen (power-posing) im Verhältnis zu neutralen Haltungen. Interessant, oder?

Person, die aufrecht über einen Zebrastreifen läuft

Mimik beeinflusst Emotionen – Facial-Feedback-Hypothese

Andere Studien untersuchen die Mimik (s. Quelle 5.): Bei bestimmten Emotionen wie Ekel, Wut oder Trauer, neigen wir dazu die Muskulatur der Glabellaregion anzuspannen, also den Bereich zwischen den Augenbrauen und die Stirn. Bei depressiven Symptomen sind scheint diese Spannung besonders hoch.

Nun beobachtete man häufig, dass Patent*innen nach Botoxinjektionen in die Stirn sich deutlich besser fühlten – über den erwünschten ästhetischen Effekt hinaus.

Erklärt wird das mit der „Facial-Feedback-Hypothese“, die aussagt, dass die Gesichtsmuskulatur nicht nur ein Ausdruck von Emotionen ist. Sie trägt auch auch einen entscheidend zur Regulation und Wahrnehmung von Emotionen beiträgt (emotionale Propriozeption). Mit der Botoxbehandlung werden Reaktionen auf entsprechende Gesichtsausdrücke vermindert. Außerdem werden durch das Gift Nervensignale aus diesem Bereich zum Gehirn unterbunden und geben damit ein negatives emotionales Feeback.

Falls sich dir auch die Frage aufdrängt, ob man seine Stirn nicht auch anders entspannen kann: Gesichtsyoga ist interessant...

Wärme wirkt körperlich und sozial

Für schwierige Gespräche gut zu wissen: ein Experiment in sozialen Situationen von Williams & Bargh (s. Quelle 6.). Sie drückten Testpersonen entweder einen warmen Kaffee oder einen Eiskaffee in die Hände und baten sie dann Eigenschaften anderer Personen zu beurteilen. War das Getränk warm, war auch die Beurteilung „wärmer“: z. B. nahmen sie die Personen als fürsorglicher oder großzügiger wahr. Umgekehrt war die Einschätzung mit Eiskaffee „kälter“.

Embodiment – Hände halten warme Cappuccinotasse

Was Embodiment nicht ist

Keine Neuheit

Für einige Bereiche revolutionär und trotzdem an sich nicht ganz so neu: bereits vor über 2000 Jahren war Hippokrates davon überzeugt, dass das menschliche Herz sich bei Freude ausdehnt und bei Angst zusammenzieht (s. Quelle 7.). Noch präziser kennen uralten Praktiken, wie z. B. Yoga, Körper-Geist-Wechselwirkungen.

Leider wird das Wissen aus anderen Kulturen kaum genutzt und nur langsam in „westliche“ Forschung und Praxis einbezogen. Insofern sind neue Embodiment-Ansätze wunderbar, aber mit einem Blick in andere Kulturen manchmal erstaunlich trivial.

Keine einheitliche und klare Definition

„Embodiment“ wird als Dachbegriff von verschiedenen Natur- und Geisteswissenschaftler*innen verwendet, z. B. aus Psychologie, Philosophie und Biologie. Dazu kommen in der praktischen Anwendung unzählige Personen aus Martial Arts bis spirituellem Coaching, siehe z.B. die Breite der internationalen Embodiment Conference.

Das bedeutet fast zwangsläufig, dass Embodiment – und verwandte Begriffe wie Verkörperung, Verleiblichung, Inkarnation, Körper, Leib, Psyche, Seele u.v.a. – weder klar noch einheitlich von einander abgegrenzt und definiert sind. Interdisziplinäre Diskussionen sind darum schlecht zu vergleichen und oft auch (in sich) widersprüchlich. Dazu sind die Begriffe in spirituellen Praktiken unterschiedlich eingebettet.

Begegnet man "Embodiment", ist darum eigentlich nur eins klar: es geht irgendwie (auch) um den Körper.

Das ist an sich kein Problem – wenn wir uns aber z. B. in einem Workshop praktisch mit Embodiment beschäftigen wollen, dann sollten wir uns dessen bewusst sein. Denn auch hinter jeder Methode oder Technik steckt ein bestimmtes Menschen- und Weltbild. Und das passt nicht immer zu unserem eigenen:

Embodiment und Weltbild – Skelett vor dunklem Hintergrund

Psyche und Körper, Seele und Geist – alles und nichts

Auch neue Konzepte im großen Embodiment-Feld bleiben mindestens theoretisch irgendwo im Leib-Seele-Problem (oder auch Körper-Geist-Problem) stecken. Das bedeutet, es bleibt unklar, was Leib bzw. Körper und Seele, Geist bzw. Psyche:

  • eigentlich sind,
  • ob sie sich überhaupt trennen lassen und
  • wie sie sich zueinander verhalten.

Eine Embodiment-Methode muss keine Lösung für so ein großes und uraltes Problem präsentieren. Aber sie sollte sich mit entsprechenden Fragen auseinandersetzen. Denn implizite Annahmen tragen wir alle mit uns herum, selbst wenn wir sie uns nicht bewusst machen. Z. B.:

  • Körper und Geist existieren parallel voneinander und wirken auf einander ein.
  • Es gibt nur körperliche Phänomene – mentale Prozesse sind ein (illusionäres) Nebenprodukt.
  • Materie bilden wir uns nur ein, eigentlich existieren wir gar nicht.
  • Es gibt eine unsterbliche Seele oder nicht.
  • Wir sind nur Körper – oder nur Seele.
  • Energie ist ein materielles Phänomen – oder auch ein immaterielles.
  • usw.

"Embodiment-Angebote" gibt es vor dem Hintergrund jeder möglichen Weltsicht. Und das kann der*dem Einzelnen nützen wie schaden: Teilweise wird z. B. der Einfluß von Gedanken auf den Körper stark betont. So stark, dass auch die Ursache körperlichen Wohlbefindens ausschließlich dort liegt – wie katastrophal ist das für eine Person mit Krebsdiagnose?

Daneben werden natürlich Ratschläge wie „Du musst dich nur aufrechter halten!“ und „Kopf hoch!“ der Komplexität einer persönlichen Situation nicht gerecht – selbst wenn sie im Kern „Embodiment-Wissen“ tragen.

Ich lege mit ZOYA | COACHING einen sehr starken Fokus auf physische Prozesse und was wir davon wie wahrnehmen. Das bietet Inspiration, Unterstützung und Raum für eigene Fragen an uns selbst. Und zwar mit einem anderen Fokus als wir es oft kennen: dem Körper! Auch wenn unsere Antworten sich stetig wandeln: sie führen zu mehr Selbst- und Welteinsicht und damit auf neue spannende Wege...

Wie Embodiment dich bereichert

Wenn du dich mit Embodiment beschäftigst, wirst du sicher viel Neues entdecken! Damit du bei dir selbst bleiben und gut für dich sorgen kannst, hier drei Tipps für deine Reise:

  1. Beobachte dich selbst und experimentiere.
    Egal, was Studien sagen – wie verändern sich deine Gedanken, wenn du deine Mimik änderst? Was genau fühlst du: gebückt und zusammengekrümmt oder aufrecht und gestreckt? Nur deine eigenen Experimente bringen dich deiner Lebendigkeit näher. Bleibe neugierig und überrasche dich selbst…
  2. Teste Verschiedenes.
    In welche Embodimentbereiche hast du schon geschnuppert? Wo „Embodiment“ draufsteht, geht es in irgendeiner Weise um den Körper – wie genau ist vielfältig. Wenn dir etwas nicht zusagt, probiere was anderes aus…
  3. Prüfe, was für dich passt.
    Die Beschäftigung mit Embodiment sagt noch nicht viel über das Menschen- und Weltbild einer Person bzw. Methode aus – daher: prüfe, was für dich passt!

Du möchtest tiefer einsteigen und erleben, wie weise dich dein Körper durch dein Leben führen kann? Reserviere dir einen Termin mit mir und lass uns beginnen!

Quellen

Weiter geht es mit…

Somatisches Coaching – was ist das denn? Das erfährst du im ersten Teil der Reihe „ZOYA und der Körper“. Im dritten Teil geht es darum, was Körperwahrnehmung ist, warum sie so wichtig ist und wie du sie lernen kannst.

Was ist somatisches Coaching?
ZOYA und der Körper • Teil 1 / 3

Was denkst du so, wenn du körperorientiertes Coaching hörst? Sport, Massage, Yoga - muss man sich da ausziehen? Nein. Für somatisches ZOYA | Coaching geht es darum, den Körper wahrzunehmen. Und diese Wahrnehmung ernst zu nehmen.

Körperwahrnehmung lernen – traust du dich?
ZOYA und der Körper • Teil 3 / 3

Du bist gerade 20 Kilometer gelaufen? Dann ist Sitzen jetzt genau das Richtige für dich: dein Körper schaltet in den Ruhemodus. Er reduziert die Aktivität von Stoffwechsel und Kreislauf. Deine gesamte Muskulatur, auch für Herz und Skelett, wird wenig beansprucht (s. Quelle 1.). Gemütlich!


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Lass uns leben,

Deine Anna