Körperwahrnehmung – nackte Frau hält sich mit Ästen bemalte Arme vor Oberkörper und Gesicht

Körperwahrnehmung lernen – traust du dich?

ZOYA und der Körper • Teil 3 / 3
by Anna
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Inhaltsverzeichnis

Was sagt dein Körper?

Sitzen ist tödlich

Du bist gerade 20 Kilometer gelaufen? Dann ist Sitzen jetzt genau das Richtige für dich: dein Körper schaltet in den Ruhemodus. Er reduziert die Aktivität von Stoffwechsel und Kreislauf. Deine gesamte Muskulatur, auch für Herz und Skelett, wird wenig beansprucht (s. Quelle 1.). Gemütlich!

Aber gewöhnlich brauchst du diese Art von Ruhe nicht: schon nach rund vier Stunden wird Sitzen toxisch (s. Quelle 2.). Dann erhöht sich das Risiko für (s. Quelle 3.):

  • Diabetes Mellitus Typ 2,
  • Herz- Kreislauferkrankungen,
  • diverse Krebsarten und einen
  • früheren Tod!

Sogar Sport kann die Schäden, die so entstehen nicht (!) mehr ausgleichen (s. Quelle 4.).

Warum ignorieren wir uns selbst?

Trotzdem sitzen über 50 % der Menschen in Deutschland täglich mehr als 4 1/2 Stunden (s. Quelle 5.). Viele davon auch noch deutlich mehr. Beim Essen, beim Arbeiten, beim Netflixen…bei was eigentlich nicht?

Komisch, oder? Wie können wir uns täglich so selbstverständlich dermaßen schaden? Und viel Sitzen ist ja nur ein Beispiel. Dir fällt sicher noch mehr ein.

Solange uns niemand alternativlos dazu zwingt, gibt es nur eine Antwort: wir nehmen irgendetwas Entscheidendes nicht wahr. Als Lebewesen sind wir doch grandios darin, unser Leben zu schützen und zu erhalten! Wir müssten merken, dass uns das nicht gut tut. Und es lassen.

Was ist los?

Fangen wir von vorne an:

Körperwahrnehmung – Schwarze Frau in gestreiftem Oberteil sieht erstaunt zur Seite

Was ist Körperwahrnehmung?

Sind wir mal ehrlich: „Ich will einfach gerade nicht aufstehen“ und „Sport ist Mord“ gehen nicht gerade mit einem fantastischen Gefühl einher, oder? Und das Gefühl nach der letzten Yogastunde war doch eigentlich ziemlich gut…

Wie kann es sein, dass wir unsere Körperwahrnehmung so unterdrücken, dass wir scheinbar neu lernen müssen:

  • zu verstehen, was uns schadet und
  • zu tun, was uns gut tut?

Geht es überhaupt um Körperwahrnehmung?

Das Gehirn kennt den Körper – Interozeption

Dein Körper lenkt dein Befinden, deine Entscheidungen, deine Gewohnheiten, dein ganzes Sein! Jetzt schon, ohne, dass du es merkst.

Dein Gehirn nimmt unablässig deinen gesamten Körper wahr. Ständig. Diese Wahrnehmung ist eine zentrale Aufgabe des Gehirns und nennt sich Interozeption.

Eine weitere zentrale Aufgabe ist es dann, aus den empfangenen Signalen (z. B. Zucker oder Salzgehalt im Blut) passende Konsequenzen zu ziehen. Das können Reflexe, Emotionen oder Gedanken sein, kurz: alles, was unseren Körper in einer Balance hält, die unserer momentanen Situation angemessen scheint – das heißt übrigens Allostase (s. Quelle 6.).

Körperwahrnehmung ist also zumindest nichts, was unser Gehirn erst lernen müsste. Was dann?

Körperwahrnehmung: eine Definition

Um was es stattdessen geht, ist, dass:

  1. du dir bewusst wirst, über Signale aus dem Körper (wozu auch das Gehirn gehört!),
  2. du eine bewusste Neugier für dich selbst entwickelst und
  3. du deine Empfindungen beachtest und respektierst.

Das bedeutet z. B. bewusst das Ziehen in deinem Nacken:

  • wahrzunehmen,
  • zu ergründen, woher es kommt und was es bedeutet und
  • es nicht zu ignorieren, sondern aufzustehen und dich zu strecken.

Was steht dir im Weg steht?

Körperwahrnehmung – Hürde auf sandiger Sport-Laufbahn

Warum wir unseren Körper nicht wahrnehmen

Es gibt zwei Gründe, die uns wohl fast ausnahmslos alle treffen:

  1. Unsere eigene Geschichte – das, was wir erlebt haben.
  2. Unsere Umgebung – die Kultur und Gesellschaft, in der wir leben.

Angst, Wut, Ohnmacht – spüren wird gefährlich

Es gibt keinen Grund, den eigenen Körper nicht bewusst zu spüren. Außer es scheint zu unangenehm und gefährlich für dich.

Glaubst du nicht? Verstehe ich, habe ich auch lange nicht.

Das ist Teil des Problems: es ist uns nicht bewusst. Lass mich erklären, was ich meine:

Körpergedächtnis – Vergangenheit in der Gegenwart

Kein Leben kommt ohne verletzende, schreckliche Erlebnisse aus. Das ist an sich auch gar nicht so schlimm - denn das Leben geht ja weiter und schlechte Zeiten gehen vorbei. Theoretisch.

Praktisch bleiben wir aber oft in diesen Zeiten stecken. Und zwar körperlich:

Dein Körper bleibt an präzisen Erinnerungen haften (s. Quelle 7.), die bis vor deine Geburt reichen können. Er erzählt mit seinen Signalen heute noch dauernd von alten Zeiten, z. B. in Form von Emotionen. Das ist schwierig zu verstehen, denn es scheint als würde das, was wir jetzt fühlen auch jetzt entsteht. Unser Inneres nimmt allerdings immer Bezug auf Vergangenes.

Waren die vergangenen Ereignisse angenehm, ist das auch meistens kein Problem. Schwierig wird es, wenn sie unangenehm waren. Hier ein typisches Beispiel:

Körperwahrnehmung – Seitenportrait von Frau mit schwarzem Trägerhemd und mit schwarzem Tuch verbundenen Augen vor schwarzem Hintergrund

Einfluss der Kindheit

Nehmen wir ein Erlebnis aus deiner Kindheit, z. B. einen Sturz. Du konntest den Sturz nicht voraussehen, es war überwältigend und du hattest das Gefühl, die Schmerzen werden nie wieder aufhören.

Solche und ähnliche Erlebnisse hatten wir als Kinder ausnahmslos alle. Diese Erlebnisse waren extrem intensiv und körperlich unerträglich stark spürbar. Hat sich dann aber jemand angemessen um uns gekümmert, konnten wir uns wieder beruhigen und wohlfühlen.

Wurdest du also nach deinem Beispiel-Sturz getröstet und gut versorgt, hast du dieses Erlebnis integriert und damit abgehakt. Neuer Tag, neues Abenteuer. Wunderbar.

War allerdings niemand angemessen für dich da, musste dein Sturz dich schlicht überfordern. Und damit ist nicht nur vorsätzliche Vernachlässigung gemeint. Es reicht, dass deine Eltern z. B. gerade sehr viel gearbeitet haben oder im Stress waren.

Das einzige, was dir bleibt, wenn du etwas nicht bewältigen kannst: du schneidest dich davon ab, was du körperlich gerade empfindest. Und das passiert nicht nur bei Stürzen, sondern bei allem, was für dich zu viel war. Das ist eine Funktion unseres Nervensystems (s. Quelle 8.).

Alles nicht mehr so schlimm. Etwas taub. Aber besser als vorher. Und irgendwie kann es dann weitergehen.

Tut es auch meistens. Das nennt man dann Funktionieren-Können.

Nicht mehr spüren wollen – nicht mehr fühlen können

Der Preis, den du dafür zahlen musst, ist leider immens: du trennst dich nämlich auch von allem, was du vielleicht gerne fühlen möchtest. Lebendigkeit. Zuneigung. Stärke. Glück. Verbindung. Nähe.

Das kann sich auf bestimmte Bereiche oder Zeiten in deinem Leben beziehen. Oder es ist alles ständig ein bisschen gedämpft und grau. So oder so: Irgendwann ist solches Erleben keine Ausnahme, sondern deine Normalität. Dass Leben auch anders sein kann, ist vergessen.

Gesellschaft und Orientierung an anderen

Das besonders Tragische: deine Normalität entspricht in der Regel der Normalität deiner Umgebung. Wenn alle um dich herum scheinbar problemlos 14 Stunden am Schreibtisch sitzen – warum solltest du deine Rückenschmerzen ernst nehmen?

Und damit sind wir beim zweiten Grund für unsere Dauerbetäubung: Gesellschaft & Kultur. Wir können nicht von einander lernen, etwas anders zu machen, wenn wir es alle ähnlich machen.

Körperwahrnehmung – Fünf gleich aussehende Frauen mit grauem Pullover schwarzem Schal und schwarzer Mütze vor Ziegelwand

Körperignoranz als Kultur

In „körperfremden“ Kulturen – wie wahrscheinlich auch deiner, wenn du diese Zeilen liest – lernen wir, sogar Körperempfindungen zu ignorieren, derer wir uns zunächst noch bewusst sind. Das kann der Drang sein, in der Schule zwischendurch aufzustehen. Das können die Rückenschmerzen sein, nach einem langen Meeting. „XZY noch fertig machen“, ist wichtiger als der eigene Körper.

Ist es manchmal auch – meistens aber nicht. Dass wir unser Leben quasi unabhängig von unserem Körper leben könnten, ist eine Illusion!

Körperwahrnehmung als Rebellion

Funktionieren sichert das Überleben in z. B. kapitalistischen Strukturen. Gleichzeitig erlauben solche Strukturen auch nur Funktionieren und nicht viel mehr. Körperfeindliche Paradigmen begraben nicht nur zufällig, sondern gezielt unser Körperbewusstsein.

Dir dein Spüren wieder bewusst werden zu lassen und ernst zu nehmen, ist daher nicht selten ein revolutionärer Akt. Täglich stundenlang im Büro zu sitzen, wird zunehmend schwieriger und der Kater als Preis für die Party lohnt sich nicht mehr…

Ich möchte dich gleich warnen: Lässt du dich auf diese Reise ein, unterstützt deine bisherige Umgebung dich oft nicht oder nimmt dich nicht ernst. Den Weg trotzdem zu gehen ist mutig. Du bekommst dafür deine Lebendigkeit zurück.

Traust du dich?

Körperwahrnehmung – Frau in weißen Shirt und Jeans sitzt auf steinigem Untergrund und lacht

So kommst du zur bewussten Körperwahrnehmung

Wenn du vom Funktionieren zur Lebendigkeit kommen möchtest, ist bewusste Körperwahrnehmung deine Basis. Das sind dafür besonders wichtige Schritte:

Ehrlich sein zu dir selbst

„So sollte das aber nicht sein“ – sehr oft spüren, fühlen oder denken wir etwas nicht weiter. Große Teile unseres Erlebens und unserer Gedanken sind ein Tabu: „so bin ich nicht, das denkt man doch nicht mal, das ist zu peinlich“.

Die Energie, um dich selbst zu unterdrücken, fehlt dir aber im Leben. Zuerst geht es darum vom „sollen“ zum „sein“ zu kommen. Dazu ist eine radikale Ehrlichkeit dir selbst gegenüber gefragt. Du musst das mit niemandem teilen. Du musst nicht gut finden, was du in dir findest. Aber sieh es dir an.

Dich selbst beobachten

Dein Körper von außen

Wir können uns z. B. vor den Spiegel stellen. Lange Haare, kurze Haare, große Füße, kleine Füße. Das kennst du sicher. Weiter gehen wir oft aber nicht. Was sind die Details?

Sind meine Schultern etwas gebeugt? Ist mein linkes Bein mehr nach außen gedreht, als das rechte? Seit wann sind meine Pobacken so verspannt?

Das selbe kannst du mit deinem Gehör machen: deine Stimme aufnehmen und anhören. Oder mit deinem taktilen Gespür: deinem Körper entlang streichen. Genauso mit Riechen und Schmecken: wie salzig ist deine Oberlippe nach dem Joggen? Wie riecht dein Unterarm, wenn du in der Sonne warst?

Dein Körper von innen

Richtig spannend wird es, mit dem Körper von innen zu arbeiten. Das bedeutet, in den Körper hinein zu spüren. Kannst du deine Augen schließen und deinen kleinen Zeh von innen spüren?

Und ich meine nicht das Bild, das du vor deinem inneren Auge hast, wenn du an „kleiner Zeh“ denkst. Sondern die Empfindung, die du von deinem kleinen Zeh empfangen kannst.

Sollte es dir nicht gelingen, eine Empfindung wahrzunehmen: spüre erstmal das Nichtspüren. Probier’s aus!

Körperwahrnehmung – Hand und nackte Füße mit dunkel lackierten Nägeln auf weißem Felsen an grobem Kiesstrand

Mit deinen Gefühlen umgehen lernen

Oft werden dabei Gefühle auftauchen. Bevor du hineinspringst, halte einen Moment inne und atme tief durch. Bleibe bei deinem Körper und frage dich: wo spüre ich was?

Damit du auch deine Gefühle besser kennenlernst, kannst du dir auch die ZOYA | Gefühlsliste runterladen. Du findest dort eine lange Liste von Bezeichnungen für Gefühle, mit denen du erforschen kannst, welches Gefühl bei dir gerade präsent ist. Da kannst du auch eintragen, welcher Basisaffekt präsent ist – also wie intensiv und angenehm bzw. unangenehm, du etwas wahrnimmst.


Ich freue mich sehr, dass du bis hierhin gelesen hast und Körperwahrnehmung dich interessiert. Wenn du tiefer eintauchen und diesen Weg nicht alleine gehen willst, vereinbare gerne einen Termin mit mir!

Quellen

  1. z. B.: Bey, Lionel & Hamilton, Marc T.: Suppression of skeletal muscle lipoprotein lipase activity during physical inactivity: a molecular reason to maintain daily low-intensity activity. The Journal of Physiology, 551/2003.
  2. Ekelund, Ulf et al.: Does physical activity attenuate, or even eliminate, the detrimental association of sitting time with mortality? A harmonised meta-analysis of data from more than 1 million men and women. The Lancet, 388/2016.
  3. Patterson Richard et al.: Sedentary behaviour and risk of all-cause, cardiovascular and cancer mortality, and incident type 2 diabetes: a systematic review and dose response meta-analysis. European Journal of Epidemiology, 33/2018.
  4. Ekblom-Bak, Elin et al.: Are we facing a new paradigm of inactivity physiology? British Journal of Sports Medicine, 44/2010.
  5. López-Valenciano, A. et al.: Changes in sedentary behaviour in European Union adults between 2002 and 2017. BMC Public Health, 20/2020.
  6. Feldman Barrett, Lisa: Seven and a Half Lessons About the Brain. 2020.
  7. Van der Kolk, Bessel:  Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. 7. Auflage, 2021.
  8. Porges, Stephen: Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit. Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung. 4. Auflage, 2021.

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Im ersten Teil dieser Reihe erfährst du, was eigentlich somatisches Coaching ist. Im zweiten Teil, was es mit Embodiment auf sich hat.

Was ist somatisches Coaching?
ZOYA und der Körper • Teil 1 / 3

Was denkst du so, wenn du körperorientiertes Coaching hörst? Sport, Massage, Yoga - muss man sich da ausziehen? Nein. Für somatisches ZOYA | Coaching geht es darum, den Körper wahrzunehmen. Und diese Wahrnehmung ernst zu nehmen.

Was ist Embodiment?
ZOYA und der Körper • Teil 2 / 3

Oh! In deinem Briefkasten liegt überraschend eine Postkarte aus Hawaii. Du liest lächelnd den kurzen Text – Urlaubsgrüße einer guten Freundin. Es freut dich sehr, dass sie an dich gedacht hat und du gehst beschwingt zu deiner Wohnung. Wie fröhlich du bist, bemerkt auch deine Nachbarin: „ach, Sie sind ja der Sonnenschein persönlich heute“.


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Lass uns leben,

Deine Anna