Blitze am Horizont über dem Meer und violette Gewitterwolken

Warum du deine Komfortzone nicht verlassen solltest

ZOYA und der Mut
by Anna
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Raus aus der Komfortzone, rein ins Glück?

„Mach das doch endlich auch mal!“

Du hast dich bei Tinder angemeldet. Dabei willst du eigentlich gar keine Fremden daten. Aber es soll sich ja etwas ändern! Deine Freundinnen machen es auch alle. Und sie haben dir gut zugeredet.

Keine Stunde später das erste Match. Smalltalk. Ein erstes Date übermorgen? Das geht aber schnell…naja, ok, übermorgen.

Unsichere Anspannung. Mittelmäßige Gespräche. Aber guter Wein. Und dann guter Sex. Vielleicht zumindest. Denn so viel hast du eigentlich gar nicht gespürt. Genauer gesagt: gar nichts.

Du warst angetrunken. Und beschäftigt.

Damit, dir nicht anmerken zu lassen, dass es dein erstes Tinder-Date ist. Dass du Sex lieber magst, wenn du jemanden wirklich gerne magst und kennst. Dass du gar keinen Orgasmus hattest. Du bist dann schnell gegangen. Angestrengt davon, so zu tun als ob.

Und wahnsinnig stolz.

Denn du hast es getan! Du hattest endlich auch ein Date. Du musst dir nicht mehr anhören, dass du „halt mal über deinen Schatten springen“ sollst!

Drei Frauen stehen nebeneinander, haken sich unter und lachen

Du bist mutig!

Glückwunsch! Du kannst sehr stolz sein. Denn es erfordert viel Überwindung und Kraft, etwas zu tun, das so wenig vertraut ist. Das zeigt: du kannst ganz schön mutig sein.

Aber ehrlich: sehr viel mutiger wäre etwas anderes gewesen – zu deinen Empfindungen zu stehen und deine Bedürfnisse nicht zu verraten. Es ist dein Leben, nicht das deiner Freundinnen.

Du darfst auf deiner Seite stehen bleiben. Du darfst fremde Menschen nicht gerne daten und es deswegen lassen. Du darfst dir Zeit lassen wollen. Du darfst dir richtig gute Gespräche bei einem Date wünschen. Du darfst keinen Sex mit jemandem haben wollen, dem du nicht vertraust.

Du darfst deinen eigenen Weg finden. Egal, um was es geht. Du darfst in deiner Komfortzone bleiben.

Und darauf darfst du wahnsinnig stolz sein.

Aber was ist der eigene Weg? Und muss man nicht die Komfortzone verlassen, um etwas zu verändern?

Nein. Im Gegenteil.

Weißt du warum?

Frau sieht in die Kamera und zieht sich ihren Schal halb über das Gesicht, im Hintergrund karge Landschaft

1. Irrtum: „Nur außerhalb unserer Komfortzone können wir Ängste überwinden“

Die Antwort liegt in unserem autonomen Nervensystem. Es regelt das, was wir als Stress kennen. Und den haben wir außerhalb unserer Komfortzone!

Je mehr Stress, desto weniger können wir dafür sorgen, dass unsere Wünsche sich erfüllen. Denn Nervensystem und Gehirn reagieren dann mit automatischen Reaktionen. Gut für unser Überleben.

Aber wir überwinden damit weder Ängste, noch finden wir persönliche Erfüllung. Und das ist ja eigentlich unser Ziel, wenn wir „endlich mal unsere Komfortzone verlassen wollen“, oder?

Die Polyvagal-Theorie (siehe Quelle 1. & 2.) beschreibt das sehr genau. Eine Reise durch die polyvagale Landschaft:

Die polyvagale Landschaft – unser autonomes Nervensystem

Unser Zuhause

Starten wir beim behaglichen Zustand unserer „inneren Mitte“. Dort:

  • genießen wir Gesellschaft, sind aber auch alleine zufrieden,
  • fühlen uns verbunden, zugehörig und sicher,
  • sind eher entspannt, haben eher einen ruhigen Puls / Blutdruck und tiefen Atem,
  • können aufmerksam sein, lernen, zuhören und lachen.

Das ist unsere Blumenwiese mit gemütlichem Häuschen und freundlichen Menschen. Unser Bereich für Regeneration und Wachstum.

Und unser Leben ist interessant! Wir sind neugierig und erkunden gerne die Wälder der Umgebung. Herausforderungen sind nicht immer angenehm, aber wir können sie bewältigen. Sie machen uns Freude.

So genießen wir unser Dasein – bis etwas Außergewöhnliches passiert:

Unser Alarmzentrum

Während eines spannenden Ausflugs im Wald, stürmen plötzlich unbekannte Gestalten aus dem Unterholz und bedrohen uns! Dann:

  • sind wir stark aktiviert, mit hohem Puls / Blutdruck, schnellem Atem und gespannten Muskeln,
  • wird unsere Stimme laut und wir reden schnell,
  • unsere Sinne sind geschärft und darauf fokussiert, bedrohliche Reize schnell zu erfassen.

Das macht uns wachsam für Gefahren, schnell und fit. Dafür brauchen wir jede Menge Energie. Unser Körper bereitet sich darauf vor, zu kämpfen oder zu fliehen.

Unsere Komfortzone endet in dem Moment, in dem wir spüren, dass es wirklich ernster ist, als wir damit bewusst und überlegt klarkommen könnten. Jetzt übernimmt unser*e Autopilot*in für uns. Unser Nervensystem wechselt den Zustand, unwillkürliche Prozesse in unserem Gehirn werden angestoßen.

Falls es uns gelingt, die unheimlichen Gestalten in die Flucht zu schlagen oder zumindest zu entkommen, laufen wir wieder zurück zu unserer Blumenwiese.

Wir erzählen anderen zitternd, was wir erlebt haben. Langsam spüren wir, dass wir uns etwas entspannen können. Dass wir wieder in Sicherheit sind. Durchatmen. Wir erholen uns.

Aber es dauert einige Zeit, bis wir uns auf unser nächstes Abenteuer freuen können. Trotzdem viel besser, als wenn wir die Gefahr nicht abwenden können:

Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf schwarzer Steinfläche

Unsere letzte Chance

Falls unsere Kampfkunst die unheimlichen Gestalten nicht beeindruckt und sie uns auf der Flucht einholen, bleibt uns nur noch eine letzte Möglichkeit: abschalten. Dann:

  • haben wir einen schwachen Puls / Blutdruck, langsamen, flachen Atem und erstarrte oder erschlaffte Muskeln,
  • spüren wir kaum noch etwas und uns ist kalt,
  • haben wir den Eindruck neben uns zu stehen, unser Denken ist anstrengend und unkonzentriert,
  • machen wir manchmal sogar automatisch, was man uns sagt, auch wenn wir es eigentlich nicht wollen.

Dieses Herunterfahren erspart uns vielleicht allzu große Qualen – weil unser*e Angreifer*in jetzt aus Desinteresse von uns ablässt. Oder weil wir wenigstens nichts mehr spüren. Klar gesagt: entweder können wir schließlich doch noch irgendwie fliehen oder wir sterben wenigstens schmerzfrei.

Falls wir Glück haben, wirkt unser Notfallverhalten. Die Gestalten lassen uns zusammengekauert liegen und verschwinden. Dann werden wir früher oder später aus unserer Trance zurückkehren und schneller auf unsere Blumenwiese zurückrennen, als wir es uns je zugetraut hätten.

Hoffen wir an dieser Stelle einfach, dass wir Glück haben…

Frau läuft der Sonne entgegen durch hohe Gras, im Hintergrund Berge

Die Komfortzone im Alltag

Mit dem Fokus Kampf, Flucht oder Shutdown überwinden wir keine Ängste, sondern reagieren auf sie!

Im Alltag können die unheimlichen Gestalten für uns diverse Formen annehmen: der mürrische Verkäufer, unsere gestresste Chefin, die laute Baustelle gegenüber…manchmal reichen sehr kleine subtile Ereignisse, um unseren Puls auf 180 steigen zu lassen. Und erst recht große Ereignisse, z. B. wenn wir uns vornehmen unsere Komfortzone zu verlassen…

Was in deinem Leben deine Blumenwiese, dein Wald und deine unheimlichen Gestalten sind, kannst nur du selbst herausfinden. Für jede*n von uns, ist es etwas anderes – was ist es für dich?

2. Irrtum: „In unserer Komfortzone entwickeln wir uns nicht weiter“

Es gibt einen weiteren entscheidenden Irrtum: Die Überzeugung, dass Menschen träge, uninteressiert oder an sich zu furchtsam sind. Unsere Komfortzone ist demnach minimal und Stagnieren unsere Natur. Ausflüge in den Wald gehören nicht dazu.

Das ignoriert, dass wir menschliche Lebewesen sind. Als solche sind wir von uns aus neugierig, lernen gerne und lösen gerne Probleme. Etwas unangenehme Aufregung ist für uns gut erträglich. Wir suchen absichtlich Herausforderungen, um uns in dieser Welt zu erleben.

Es sei denn, wir haben zu oft und lange unsere Komfortzone verlassen müssen. Dann finden wir nämlich nicht mehr auf unsere Blumenwiese zurück. Mit mindestens einem Teil von uns bleiben wir verwirrt im Wald und chronisch in einem Kampf-, Flucht- oder Shutdown-Modus hängen.

Das kostet so viel Energie, dass unsere Komfortzone aus Erschöpfung und Angst kaum mehr über unsere Wohnung, das Büro und den nächsten Supermarkt hinausgeht – ein typischer und sehr weit verbreiteter posttraumatischer Zustand!

Mit dem gutgemeinten Ratschlag doch mal die Komfortzone zu verlassen, möchte man dann freundlich „in den Hintern treten“.

Das ist respektlos und kontraproduktiv!

Ok, Komfortzone verlassen funktioniert also nicht. Wie soll sich dann aber irgendwas verändern?

Frau an der Kante eines Berggipfels blickt über Bergkette

Die Komfortzone erweitern, ohne sie zu verlassen

Auf der Grenze stehen bleiben

Indem du deine Komfortzone ausdehnst! Und das geht so:

Du gehst an die Grenze deiner Komfortzone. Das ist am Anfang etwas aufregend. Du bleibst genau auf der Grenze stehen, bis es weniger aufregend ist. Dann läufst auf deine Blumenwiese zurück – bevor dein*e Autopilot*in übernimmt. Und das machst du immer wieder, so lange, bis die Grenze woanders und deine Komfortzone größer ist!

Vielleicht ist es auf der Grenze nicht gerade angenehm, aber du fühlst dich immer noch sicher. Und falls nicht, weißt genau, wie du schnell zur Blumenwiese zurückkommst.

So kannst nachhaltig lernen und bewusste Erfahrungen machen. Aber es funktioniert eben nur, wenn du zu dir stehst und dich respektierst: denn nur du kannst spüren, wo deine Grenze ist!

Wo ist sie?

So erweiterst du deine Komfortzone – die wichtigsten Schritte

  1. Spüren, wo deine Komfortzone überhaupt beginnt und endet.
    Sei ehrlich mit dir. Auch wenn du denkst, „das kann doch eigentlich nicht sein“ oder „andere können das doch auch“. Sieh genau hin.
  2. Bleibe in deiner Komfortzone und finde deine Neugier.
    Deine Neugier führt dich genau dahin, wo es sich für dich lohnt, deine Komfortzone zu erweitern. Da möchtest du hin!
  3. Wage dich in kleinen Schritten an die Grenze deiner Komfortzone.
    Kleine Schritte! Sonst verpasst du deine Grenze, weil du sie nicht wahrgenommen hast. Manchmal sind das nur subtile Zeichen! Achte darauf, was du im Körper spürst. Hat dein* Autopilot*in schon übernommen? Schnell zurück!
  4. Bleibe auf der Grenze stehen und spüre.
    Innehalten: Wie fühlt sich das an? Was spürst du? Was nehmen deine Sinne wahr? Atmen!
  5. Zurück in deine Komfortzone treten.
    Zurück zur Blumenwiese! Ausruhen. Regenerieren. Spürst du, wie deine Herzschlag und dein Atem sich verlangsamt und du ruhiger wirst?

Das kannst du so oft wiederholen, bis du deine Komfortzone erweitert hast.

Ich weiß, es ist nicht einfach. Wenn du magst: ich begleite dich gerne dabei!

Was möchtest du entdecken?

Quellen

Zum Nachlesen und Vertiefen:

  1. Porges, Stephen: Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit, G.P. Probst Verlag, 3. Auflage, 2019
  2. Levine, Peter A.: Sprache ohne Worte, 9. Auflage, 2011

Was sind deine Gedanken und Erfahrungen? Schreibe gerne einen Kommentar – ich freue mich darauf, dir zu antworten!

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Lass uns leben,

Deine Anna