Frau mit roten Pullover vor Mauer lehnt Kopf in ihre Hand und stützt sich auf ihrem Knie ab

Endlich mit Enttäuschungen umgehen können

ZOYA und die Erwartungen
by Anna
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Leben ohne Erwartungen

„Woher soll ich wissen, dass das ein Problem für dich ist?“ — „Echt jetzt? Wir sind 9 Jahre zusammen, du weißt genau, dass mir das wichtiger ist, als alles andere!“ — „Du spinnst doch! Deine Erwartungen kann kein Mensch erfüllen.“

Tränen, Verzweiflung, laute Worte.

Wohin jetzt mit den enttäuschten Erwartungen?

Google hat sofort einen passenden Ratschlag gefunden: Enttäuschung macht unglücklich. Und weil Enttäuschungen von unerfüllten Erwartungen kommen, sollte man lieber gar keine Erwartungen mehr haben.

Interessant.

Stellen wir uns das mal konkret vor:

Ich wache morgens auf, was ich am Abend zuvor nicht erwarten durfte, und stehe schon vor der ersten Frage: was wird geschehen, wenn ich mich aus dem Bett erhebe? Dass der Boden mein Gewicht trägt, erwarte ich nicht; also auch nicht, dass ich darauf gehen kann. Stehe ich dann trotzdem auf und gehe ins Bad, drehe ich völlig zufällig am Wasserhahn. Was wohl passieren mag?

Als ich später meine Wohnung verlasse, treffe ich auf meine Nachbarin. Ich grüße sie. Natürlich erwarte ich nicht, dass sie meinen Gruß hört oder gar erwidert. Einige Minuten später drücke ich meinem Lieblingsbäcker ein paar Münzen in die Hand – ganz ohne die Erwartung, dass er mir dafür ein knuspriges Croissant überreicht…

Absurd? Ja, finde ich auch.

Das geht anders.

Tisch mit Croissanten in Papiertüte neben kleiner weißer Tasse

Erwartungen erwarten

Zuerst ein kleiner theoretischer Ausflug:

Wir erwarten ständig irgendetwas, ob von Gegenständen, dem Wetter, uns selbst oder anderen Menschen.

Und wir erwarten immer in eine ungewisse Zukunft hinein (s. Quelle 1.). Gerade wegen dieser Ungewissheit machen wir das: wir schaffen uns dadurch mehr Orientierung. Verhalten wird etwas vorhersehbarer. Bestimmte Ereignisse werden wahrscheinlicher als andere.

Die Annahmen, die wir mit unseren Erwartungen konstruieren, bieten uns Ankerpunkte. Z. B. erwarte ich, das meine Nachbarin von mir erwartet, dass ich sie grüße – und das tue ich dann auch, ebenfalls mit der Erwartung zurückgegrüßt zu werden.

Solchen Erwartungsstrukturen sind für charakteristisch für Kommunikation. Sie sind Basis jeder Art von Beziehungen, also unserer gesamten Gesellschaft. Erwartungen zu haben und auf sie zu reagieren, ist sinnvoll und geschickt: wir machen uns alle damit handlungsfähiger.

So, diese Erkenntnis bringt dir aber eher wenig, wenn du gerade schrecklich enttäuscht bin. Was kannst du tun?

Probleme mit Enttäuschungen und Erwartungen

Probleme entstehen nicht daraus, dass wir etwas erwarten. Und auch nicht daraus, dass wir vielleicht enttäuscht sind.

Sie entstehen daraus, wie wir damit umgehen!

Du kannst also folgendes tun:

  1. anders mit Enttäuschungen umgehen lernen und
  2. deine Erwartungen erfüllbar werden lassen.

Und das heißt:

Frau sitzt in Restaurant an Tisch, sieht in die Luft und wartet

Lernen, anders mit Enttäuschungen umzugehen

Neutrale Enttäuschungen

Die erste Assoziation zum Begriff Enttäuschung ist meistens so etwas wie:

  • Ich habe erwartet, dass ich zur Hochzeit eingeladen werde – aber sie haben nur meine beste Freundin eingeladen.

Enttäuschung heißt aber auch:

  • Ich habe erwartet, bei dieser Prüfung durchzufallen und stattdessen habe ich bestanden.

Enttäuschung bedeutet also nur: es ist nicht das eingetreten, was ich erwartet habe. Nicht mehr, nicht weniger.

Enttäuschung und Gefühle

Enttäuschung zeigt sich meistens zuerst in Überraschung. Das ist ein sehr kurzes Gefühl, nur ca. 1,5 Sekunden lang (s. Quelle 2.). Es taucht auf, sobald du erkennst: „es ist anders, als ich dachte!“. Darauf folgen diverse Gefühle, z. B. Angst, Wut, Vergnügen, Trauer, Scham oder Ekel. Je nach Kontext und Erwartung können die Gefühle:

  • direkt wieder verschwinden,
  • sich abwechseln oder
  • lange anhalten.

Und diese Gefühle überfordern uns sehr oft. Manchmal sogar, wenn wir uns das Enttäuschende gewünscht haben:

Du wolltest die Prüfung unbedingt bestehen. Trotzdem liest du immer und immer wieder, völlig perplex und mit unangenehmem Herzrasen den Satz „Sie haben bestanden“ – bevor du dich freuen kannst und sich dein Herzklopfen angenehm anfühlt.

Das gleiche gilt für alle Gefühle. Gelingt es uns, Gefühle zu fühlen, ohne in ihnen unterzugehen, kommen wir auch mit Enttäuschung besser klar. Enttäuschung fühlt sich schrecklich an. Dass etwas anderes eintritt, als wir angenommen haben, ist aber an sich erstmal neutral. Erst unsere Bewertung macht es schrecklich.

Im Moment stelle ich dir gerade eine Anleitung zusammen. Mit ihr kannst du üben, deine Gefühle zu fühlen, ohne darin zu ertrinken. Trage dich für meinen Newsletter ein, um gleich zu erfahren, wenn sie verfügbar ist! Gerne begleite ich dich natürlich auch persönlich.

Übrigens: Ist jemand von deinem Verhalten enttäuscht, hat auch sie*er selbst Verantwortung die für den Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Mit Enttäuschungen angemessen umgehen zu können, ist ein Aspekt. Trotzdem wünscht du dir ja vielleicht, dass sich deine Erwartungen ab und zu erfüllen, oder?

Frau in türkisem Umhang und einem Doktorhut lehnt sich auf Mauer und sieht in die Ferne

Erwartungen erfüllbar machen

Erfüllen sich deine Erwartungen quasi nicht von selbst, hast du zwei Möglichkeiten:

  1. Du veränderst deine Erwartung.
  2. Du veränderst den Kontext.

Erwartungen verhandeln

Unsere Erwartungen sind ein Vorschlag für eine bestimmte Version von Realität.

Was zu ihrer Erfüllung gehört, bestimmen wir selbst.

Eine Erwartung in einer Beziehung kann sein: „Ich erwarte, dass mein*e Partner*in mich liebt“. Ob das so ist, mache ich z. B. an folgendem Merkmal fest: sie*er bringt mir jeden Freitag frische Blumen mit.

Was passiert, wenn es mal keine Blumen gibt? Ist das ein Beweis dafür, dass sie*er mich nicht liebt?

Natürlich nicht.

Genauso wenig, wie Blumen ein selbstloser Beweis von Liebe sein müssen. Sie können ja auch einfach mit dem Gedanken gekauft werden: „ich bringe lieber Blumen mit, bevor er wieder ausflippt“...

Verwelkte pinke Rose vor schwarzem Hintergrund

Unser Weltbild beruht so stark auf Erwartungen, dass wir oft vergessen, dass es einfach nur unser Weltbild ist. Wir lassen Erwartungen zu Ansprüchen werden, die sich gefälligst zu erfüllen haben.

Und sogar diese Ansprüche könnten wir ja im Stillen bei uns haben – wenn wir ihnen nur keinen unbedingten Wahrheitsgehalt einräumen würden. Um sie dann fordernd unserem Gegenüber zu präsentieren.

Halten wir unsere Bilder der Welt für unerschütterlich wahr, werden wir rigide. Das heißt, uns fehlt dann eben jene Flexibilität, die Erwartungen mit unserer Umwelt abzugleichen und anzupassen.

Denn das ist ja eigentlich ein Merkmal eines Vorschlags: das er verhandelbar ist. Mit uns selbst und mit anderen. Wir bleiben auf unserer Position oder wir ändern sie – je nachdem, was uns wichtig und richtig erscheint.

Wenn wir unsere Position nicht verändern können, sind wir ständig mit hartnäckigen Problemen konfrontiert. Es bleibt eine unerträgliche Diskrepanz zwischen dem, wie es doch eigentlich sein sollte und dem wie es ist.

Kontext für Erwartungen verändern

Vielleicht aber möchtest du deine Position aber auch auf keinen Fall verlassen.

Z. B. erwartest du von deiner*m Partner*in einen respektvolle Art mit dir umzugehen. Wenn sie*er dich im Streit schlägt, dann ist deine Erwartung enttäuscht – und hoffe ich sehr für dich, dass du deine Position nicht verlässt und mit deiner enttäuschten Erwartung schnellstmöglich das Weite suchst. Dazu kannst du dir auch Hilfe holen.

Ein*e andere*r Partner*in wird dich respektvoll behandeln. Mit einer neuen Beziehung hast du den Kontext geändert, kannst deine Erwartung behalten und erlebst diese Enttäuschung nicht mehr. Wenn doch, weißt du was zu tun ist!

Frau und Mann stehen sich eng gegenüber und lächeln sich an

So oder so: Erwartungen sind selbstgemacht. Du entscheidest,

  • welche du haben möchtest,
  • wie ernst du sie nimmst,
  • ob und wie du sie an andere heranträgst und
  • wie du damit umgehst, wenn sie nicht erfüllt werden.

Das gilt natürlich auch für alle, die Erwartungen an dich stellen!

Damit du diese Entscheidungen bewusst treffen kannst, bekommst du jetzt von mir noch einen Leitfaden. Mit ihm findest du einen gelasseneren Umgang mit Enttäuschungen.

Praktische Anleitung für den Umgang mit Enttäuschungen

  1. Mit Gefühlen umgehen lernen.
    Über meinen Newsletter erfährst als erstes, wann meine Anleitung dazu für dich fertig ist!
  2. Enttäuschungen wahrnehmen.
    Wir werden täglich unzählige Male enttäuscht. Hast du das schon bemerkt? Versuche mal, alle kleinen Enttäuschungen wahrzunehmen und zu fühlen. Das trainiert dich, gelassener zu bleiben. Und so kannst du Erwartungen anpassen oder Kontexte verändern, bevor du einer richtig großen Enttäuschung gegenüberstehst.
  3. Erwartungen untersuchen.
    Was ist das für eine Erwartung, die enttäuscht wurde?
    Woran merke ich das?
    Welche Erwartungen habe ich noch, die nicht enttäuscht wurden?
  4. Überzeugungen erkennen.
    Welche Überzeugungen stecken hinter meinen Erwartungen.
    Es gibt einige typische Überzeugungen, die Enttäuschungen fast schon erzwingen, z. B.: andere sind dazu da, mir Anerkennung und Liebe zu geben / andere sollen von sich aus wissen, was ich mir wünsche / andere sollen mich retten bzw. glücklich machen.
    Kennst du? Vielleicht gelingt es dir, vorsichtig und achtsam, Abstand von solchen und ähnlichen Überzeugungen zu gewinnen. Wenn du magst, lass uns das gemeinsam untersuchen.
  5. Verantwortung übernehmen.
    Es ist dein Weltbild, es sind deine Erwartungen, deine Ansprüche.
    Wie möchtest du damit umgehen?
    Welche Werte sind dir dabei wichtig?
    Wer möchtest du sein?
    Wie willst du die Welt ansehen?

Quellen

Zwei fantastische Bücher:

  1. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, suhrkamp, 4. Auflage, 1991
  2. Ekman, Paul: Gefühle lesen, Springer, 2. Auflage, 2017

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Lass uns leben,

Deine Anna