Gefühle – Portrait von Frau mit geschlossenen Augen und Farbklecksen im Gesicht

Gefühle unterdrücken – der hohe Preis und eine günstige Alternative

ZOYA und die Emotionen • Teil 3 / 3
by Anna
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Inhaltsverzeichnis

Gefühle nerven!

Du bist mega eifersüchtig, obwohl du eigentlich weißt, dass dein*e* Partner*in dir treu ist.

Oder wütend, weil deine Chefin dir wieder nicht zuhört.

Oder traurig, weil dein*e Ex nichts mehr mit dir zu tun haben möchte.

Warum nicht einfach diese verdammten Gefühle unterdrücken? Ehrlich, warum nicht?

Es gibt, wie immer, gute Gründe das zu tun. Diese zwei z. B.:

  1. Du sorgst dich um deine Beziehungen. Weil du überzeugt bist, dass deine Gefühle dich zu unpassenden Handlungen verleiten. Oder vielleicht willst du einen bestimmten Eindruck nicht hinterlassen – z. B. in der Arbeit einen „hysterischen“.
  2. Du hältst deine Gefühle nicht mehr aus. Zu groß, zu tief, zu stark, zu unerträglich.

Mit unterdrückten Gefühlen wirst du vielleicht nicht gekündigt oder ertrinkst nicht in unerträglicher Angst. Gut! Als Notfalltrick reicht das erstmal.

Aber auch nicht für mehr. Denn diese Strategie kostet meistens richtig viel – dazu gleich mehr – und dann funktioniert es nicht mal zuverlässig, z. B.:

  • meckerst du anschließend wegen jeder Kleinigkeit an deiner*m Partner*in herum,
  • kriegst jedes Mal Kopfschmerzen, wenn du am Büro deiner Chefin vorbeigehst oder
  • bist antriebslos und hast zu nichts mehr Lust.

Das ursprüngliche Gefühl stört dann zwar nicht mehr, dafür eben etwas anderes. Und selbst wenn dich scheinbar gar nichts mehr stört: der Preis ist hoch, den du für ein Unterdrücken auf Dauer zahlst.

Wie hoch genau und was zahlst du da?

Gefühle – zwei Hände zählen Geldscheine ab

Der Preis, den du zahlst – Symptome unterdrückter Gefühle

Verschiedene Studien mit unterschiedlichsten Ergebnisse haben vor allem einen Zusammenhang feststellen können: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere Bluthochdruck (s. Quelle 1.).

Bevor du allerdings chronischen Bluthochdruck kriegst, passiert natürlich eine ganze Menge. Nur weil du ab und zu Gefühle unterdrückst, wirst du nicht automatisch todkrank!

Es gibt aber noch viele andere Symptome. Die lassen dich zwar funktionieren, aber wenig lebendig:

  • Du fühlst gar keine Gefühle mehr so richtig und alles ist ein bisschen betäubt.
  • Du explodierst plötzlich oder sagst Dinge, von denen du gar nicht mehr wusstest, dass sie dich beschäftigen.
  • Du bist zwar irgendwie zufrieden, aber auch irgendwie unzufrieden mit deinem Leben.
  • In bestimmten Situationen, bei bestimmten Themen oder Menschen treten immer starke körperliche Symptome auf, unter denen du leidest.
  • Du hast den Eindruck, an dir vorbei zu leben.
  • Dir fehlt innerlich der Bezug zu Themen, von denen du weißt, dass sie dich eigentlich berühren (würden).
  • usw.

Ein Gefühl dauerhaft zu unterdrücken, bedeutet auch andere Gefühle zum Verschwinden zu bringen – die du eigentlich behalten wolltest. Außerdem kann das, was du als Gefühl kennst, auch z. B. auch als körperlicher Schmerz wiederkommen – damit hat das mit dem Unterdrücken dann nur so halb geklappt.

Schmerz – Frau sitzt mit geschlossenen Augen leicht zurückgelehnt und hält sich die rechte Hand an die Stirn

Grundsätzlich gilt: wie problematisch Unterdrücken für dich ist, musst du selbst herausfinden. Wenn für dich alles besser ist, als dieses eine Gefühl und das mit dem Unterdrücken funktioniert einigermaßen – ok! Aber sei dabei ehrlich zu dir. Diese Strategie kostet auf Dauer echt eine Menge Energie und Lebendigkeit und zwar deswegen:

Wie funktioniert das, Gefühle zu unterdrücken?

Ziel ist es, das, was sich in dir unangenehm anfühlt, schnell zum Schweigen zu bringen. Und das auf zwei radikale Weisen:

  1. Durch Ignorieren. Wenn du selbst mal von jemandem ignoriert worden bist, weißt du, was ich mit radikal meine…
  2. Durch Betäuben. Was man nicht spürt, muss man nicht einmal mehr ignorieren.

Was das für einen riesigen Einfluss auf dein gesamtes Leben hat, wird klar, wenn du dir überlegst, was Gefühle eigentlich sind:

Gefühle sind selbstgemacht!

Ein sehr hilfreiches Modell für Emotionen (s. Quelle 2.) erklärt Gefühle als eine Konstruktion unseres Gehirns. Ich habe dazu einen ganzen Artikel geschrieben – hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung zum Verständnis:

Emotionen sind die Art, wie dein Gehirn versucht, aus

  1. den sensorischen Veränderungen im Körper
  2. im Zusammenhang mit dem, was in deinem Umfeld geschieht,
  3. Sinn zu generieren.

Daraus wird dann z. B.:

  1. Irgendwas ist unangenehm und intensiv – mein Herz schlägt schneller,
  2. mein*e Partner*in redet den ganzen Abend nur mit Anja und gar nicht mit mir,
  3. klar,  mein*e Partner*in findet Anja attraktiver als mich – deswegen fühle ich mich so komisch, natürlich: das ist Eifersucht!

Das alles geschieht meistens höchstens teilbewusst. In deinem gewöhnlichen Erleben stehst du plötzlich mit einem starken Gefühl da, das quasi aus dem Nichts über dich hereinrollt. Eigentlich ist es aber das Ergebnis eines komplexen Prozesses aus Körperempfindungen, äußeren Ereignissen, deinen Erfahrungen usw..

Gefühle – Person steht vorne übergebeugt und eingehüllt in weisses, feines Netz

Du unterdrückt mehr als ein „nur ein Gefühl“!

1. Wahrnehmung und Interpretationen ignorieren.

Gleichzeitig bedeutet das: wenn du ein Gefühl nachhaltig unterdrücken willst, reicht es nicht das komische „ich fühl mich so mies“ mal nicht so ernst zu nehmen. Je nach dem wie wichtig dir das Nicht-Fühlen ist, musst du dich stattdessen in allen drei Aspekten unterdrücken, sprich deine Wahrnehmung und deine Interpretationen ignorieren.

Das heißt z. B.:

  1. das Herzklopfen, den Schweiß auf deiner Stirn, die leichte Gänsehaut im Nacken oder das flaue Ziehen im Magen,
  2. auch was direkt vor deinen Augen passiert, z. B. den heißen Flirt zwischen deiner*m Partner*in und Anja,
  3. den Zusammenhang zwischen deinen Körperempfindungen und äußeren Umständen und die Interpretation als Gefühl „Eifersucht“!

2. Impulse stoppen.

Außerdem stoppst du damit gleichzeitig das, wofür ein Gefühl von deinem Gehirn ausgewählt wurde: bestimmte Impulse.

Das kann z. B. so etwas sein wie weglaufen, um dich schlagen, etwas sagen oder dich ducken. Das kann manchmal sinnvoll und angemessen sein, manchmal übertrieben; so oder so wird eine Menge Energie bereit gestellt. Mit ihr sollst du nach diesem Plan für dich sorgen. Dem etwas entgegenzuhalten braucht viel Kraft. Immerhin geht es um dein Wohlbefinden und dein Körper will nichts anderes als dass es dir gut geht!

Also, ein Gefühl zu unterdrücken braucht einen enormen Aufwand. Du greifst damit tief in innere Prozesse ein!

3. Den Preis dafür zahlen – abstumpfen.

Auf Dauer hat das gravierende Folgen: Dann spürst du nicht nur das flaue Ziehen im Magen nicht mehr. Du spürst den ganzen Magen nicht mehr. Genauso ist es mit deinem Kiefer, deinem Nacken oder deinen Hüftgelenken. Außer sie fangen an so weh zu tun, dass du es dann echt schwer noch ignorieren kannst…(was umgekehrt aber nicht heißt, das jeder Schmerz ein unterdrücktes Gefühl ist!)

Wie schlimm das ist? Entscheide selbst. Stumpfer zu werden, um gesellschaftlich besser zu funktionieren und den eigenen Emotionen auszuweichen? Das muss doch anders gehen. Geht es auch.

Mit Gefühlen neu umgehen zu lernen ist eine Kunst. Man kann das lernen, aber es braucht etwas Zeit und Hingabe. Damit du schon mal anfangen kannst, habe ich dir zum Schluß noch drei wichtige Tipps zusammengestellt. Dabei und auf dem restlichen Weg unterstütze ich dich außerdem gerne persönlich!

Gefühle – Frau in schwarzen Top vor urbanem Hintergrund lächelt und hält sich Hände unter das Kinn

Die Alternative zu unterdrückten Gefühlen

Nicht in die Vergangenheit analysieren.

Vielleicht hast du jetzt das Verlangen endlich mal „in dir aufzuräumen“. Herauszufinden, warum du genau was wieso unterdrückst bzw. unterdrückt hast. Dafür gibt es sogar ganze Therapierichtungen – z. B. die klassische Psychoanalyse. Aber ganz ehrlich: was hast du davon, wenn du weißt, dass du mit 3 1/2 deine Wut unterdrückt hast, als dein Bruder dir deine Spielzeugente weggenommen hat?

Grobe biographische Zusammenhänge zu verstehen oder auch neu zu gestalten, kann sinnvoll sein, keine Frage. Das hilft dir deine Lebensgeschichte in einen großen Kontext einzuordnen. Das war’s aber auch schon.

Zuerst ist es meiner Erfahrung nach wichtiger, mit deinen Gefühle im Hier und Jetzt umgehen zu lernen. Alles andere regelt dein Unbewusstes und dein Körper sowieso für dich – wenn du sie lässt.

Dahinter steckt eine ganz simple Einsicht: jeder Zustand, in dem du dich in der Gegenwart befindest, stellst du – bewusst oder unbewusst – in diesem Moment selbst her. Das heißt, wenn du deine Füße kaum spürst, dann gibt es jetzt Prozesse in deinem Körper und Gehirn, die einen einen Zustand hervorrufen, der dafür sorgt, dass du sie kaum spürst. Also geht es auch darum, jetzt festzustellen, wie du diesen Zustand ändern kannst!

Auftauen – unterdrückte Gefühle erkennen.

Wie kannst du wieder spüren, was du betäubt hast? Dein Körper ist der Weg! Fang an, jeden Millimeter, innen und außen, neu zu erspüren und kennenzulernen:

  • spüre ich meine Hände? Ok ja, die Fingerspitzen, aber das Daumengelenk, naja… – wie ist es mit den Armen, Schultern, Bauch, Beine, Füße, Becken?
  • woran merke ich, dass ich etwas nicht spüre? Wie spürt sich dieses Nichts an?
  • und was passiert, wenn ich das, was ich nicht spüre berühre, knete, kneife?

Hier fängt deine Reise zur Lebendigkeit an! Du brauchst dich, deinen Körper und deinen tiefen Atem. Keine Worte und keine Erinnerung. Emotionen sind im Kern körperlich!

Und noch mein letzter wichtiger Tipp:

Deinen Gefühlen misstrauen.

Ja, du hast richtig gelesen. Gefühle sind ein Vorschlag deines Gehirns – das heißt aber noch lange nicht, dass sie nützlich oder passend sind.

Erinnerst du dich noch an das obige Beispiel mit der Eifersucht – dein Herz klopft, du wirst links liegen gelassen und Anja ist attraktiver als du? Andere Variante: Du hast einen Kaffee zu viel getrunken. Und „der ganze Abend“, den du schon ignoriert wirst, besteht aus den letzten zehn Minuten – in denen dein*e Partner*in sich von Anja gerade Tipps für den romantischen Überraschungs-Urlaub für dich holt.

Ist da Eifersucht der passende Sinn? Bist du eifersüchtig oder einfach nur unruhig? Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten zu fühlen?

Gefühle sind in Einzelteile zerlegbar und veränderbar! Für den Anfang ist ihre Basis das wichtigste: die Körperempfindung.

Also: in der nächsten schwierigen Situation, frage dich nicht „was fühle ich gerade?“, sondern „was spüre ich gerade?“. Mit Herzklopfen umzugehen ist viel einfacher als mit Eifersucht. Probier’s aus!

Du willst tiefer einsteigen und möchtest dir Begleitung auf deinem Weg gönnen? Vereinbare einen Termin mit mir! Ich freue mich auf dich!

Quellen

  1. Mund, Marcus / Mitte, Kristin: The costs of repression: a meta-analysis on the relation between repressive coping and somatic diseases. Health Psychology, 31/5, 2012.
  2. Feldman Barrett, Lisa: How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. 2018.

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Welche Gefühle gibt es? Das erfährst du in Teil 2 dieser Serie – mit ausführlicher Gefühlswörterliste + Experimentier-Anleitung und zum PDF-Download! Du möchtest zuerst verstehen, was Gefühle überhaupt sind? Dann schau doch mal in den ersten Teil dieser Serie!

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ZOYA und die Emotionen • Teil 1 / 3

Lindas Hände zittern. Ihr Herz schlägt unerträglich laut. Sie schwitzt und ihr ist schwindlig. Der unbequeme Plastikstuhl drückt ihr in die Beine. Sie sitzt vor Zimmer 897 und wartet: heute ist der Tag ihrer Abschlussprüfung! „Alles ok, alles ok“ murmelt sie. Ihre Worte kommen aber nicht gegen ihre Angst an. Eigentlich ist sie ja gut vorbereitet, aber… „Linda Zehner, bitte!“

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ZOYA und die Emotionen • Teil 2 / 3

7 Basisemotionen? Oder 27 Grundemotionen? Spätestens, wenn wir uns im Alltag austauschen, werden es mehr: wir können uns z. B. stolz fühlen oder albern, ängstlich oder friedlich. Es gibt mindestens so viele Gefühle wie Bezeichnungen dafür! Eine große Auswahl an üblichen Adjektiven findest du in der Liste am Ende dieses Artikels!


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